Wanderbar schließt mit altem Pächter…Zukunft **

 Das beliebte Ausflugscafé an der Vennbahn in Roetgen ist Geschichte. Ein Urteil des Landgerichts Aachen ändert daran nichts. Café-Betreiber Rojhat Inan wertet es dennoch als Erfolg in seinem Feldzug gegen Politik und Verwaltung.

„Ist es endgültig vorbei?“ Dietmar Sous schüttelt mit dem Kopf. „Jetzt ist Roetgen um eine Attraktion ärmer!“ Und Attraktionen gebe es in diesem Ort nun wahrlich nicht viele, sagt der Schriftsteller aus Breinig mit sarkastischem Unterton. Mit seiner Lebensgefährtin ist Sous an diesem Donnerstagmorgen in die Eifel gefahren, um zu wandern. Die beiden sind oft hier. Ein Besuch der „Wanderbar“ durfte bei diesen Ausflügen bislang nicht fehlen. „Ich kenne kein vergleichbares Café, das mir so gut gefällt“, sagt der „deutsche Nick Hornby“, wie ihn ein Kritiker einmal genannt hat.

Rojhat Inan lächelt und schaut dem Paar länger hinterher. Seine  „Wanderbar“ ist Geschichte. Inan muss noch ein paar kleinere Schönheitsfehler im Inneren des Gebäudes beseitigen, dann wird er die Schlüssel endgültig der Gemeinde übergeben.

Ein Vertrag mit einem Haken

Der letzte Akt in diesem Provinzdrama um ein kleines Café, seinen Ideengeber und den Kampf gegen Politik und Verwaltung ist damit dennoch nicht vollendet. Denn Rojhat Inan fühlt sich um sein Werk betrogen. Vor fünf Jahren präsentiert der Bauingenieur der Gemeinde ein Konzept für die Bewirtschaftung der Räumlichkeiten des ehemaligen Reisebüros an der Wanderstation. Kaffeespezialitäten und hochwertige Bio­backwaren will er Wanderern und Radfahrern unweit des Vennbahnwegs servieren.

Der smarte Akademiker weiß den damaligen Bürgermeister Manfred Eis (SPD) zu überzeugen: Inan schließt mit der Gemeinde Verträge über eine Laufzeit von fünf Jahren und investiert nach eigenen Angaben rund 70.000 Euro in den Innenausbau. Doch diese Verträge haben es in sich: Denn nebenher soll Inan auch die Wanderstation betreiben, dort Infomaterial verteilen und die Toilette säubern. Dies regelt ein Werkvertrag, den ein Roetgener Insider als „nah an der Sittenwidrigkeit“ einstuft – denn Inan muss diese Dienstleistung nach eigenen Berechnungen zu einem Stundensatz von 2,80 Euro erbringen.

Die Gemeinde muss nun zahlen

Die Spannungen zwischen dem Betreiber und der Gemeinde nehmen in den folgenden Jahren stetig zu. Dass SPD-Mitglied Inan seiner Partei den Rücken kehrt und den Posten als Sachkundiger Bürger im Bauausschuss nach kurzer Zeit wieder räumt, trägt nicht unbedingt zu einer Besserung der Beziehungen bei. Er habe persönliche Interessen und Politik nicht vermischen wollen, sagt Inan. In der SPD schweigt man sich zu dem Vorfall aus.

Während die „Wanderbar“ beim Publikum punktet, wird der Ton hinter den Kulissen immer rauer. Bürgermeister Jorma Klauss wirft dem Betreiber schließlich öffentlich Vertragsbruch vor. Inan habe seine Pflichten hinsichtlich der Betreuung der Wanderstation nicht erfüllt. Es geht um eine nicht regelmäßig gereinigte Toilette und nicht korrekt eingehaltene Öffnungszeiten. Inan erhält eine Abmahnung, später auch eine fristlose Kündigung, die Gemeinde stellt im Frühjahr 2019 die Zahlungen komplett ein.

Zu Unrecht, wie das Landgericht Aachen am 16. April dieses Jahres urteilt: Die Gemeinde muss die zurückgehaltenen Zahlungen in fünfstelliger Höhe  nun leisten, die Räumungsklage wird abgewiesen, weil es keine Verfehlungen aus dem Mietverhältnis gebe. Das Gericht stellt in Anwesenheit des Bürgermeisters wörtlich fest, die Gemeinde habe die Dienstleistung „für einen Apfel und ein Ei“ eingekauft. Es handle sich nicht um Werk-, sondern um Dienstleistungsverträge. Bürgermeister Klauss äußert sich zu dem Urteil mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht. „Wir haben das Urteil noch nicht abschließend juristisch bewertet.“

Mindestlohn unterlaufen?

Rojhat Inan will nun vor dem Arbeitsgericht Aachen klären lassen, ob diese Vertragspraxis legal war: „Meiner Meinung nach handelte es sich um einen als Werkvertrag getarnten Arbeitsvertrag.“ Dahinter steckt auch der Vorwurf, die Gemeinde habe so den Mindestlohn unterlaufen wollen. Die Klage ist bereits eingereicht worden. „Das Grundproblem war der eigentlich erfreuliche Umstand, dass die Wanderstation durch die enorme Zunahme des Radverkehrs auf der Vennbahn im Laufe der Zeit nicht nur Wanderer bedienen musste, sondern in erster Linie Radtouristen.“ Eine Anpassung der Verträge habe die Verwaltung aber stets abgelehnt. Auch sei im Rathaus niemand auf seine Vorschläge eingegagen, die „Wanderbar“ zu vergrößern und Richtung Vennbahn zu öffnen. Gesprächsangebote seien vielmehr mit Hinweis auf das zerrüttete Verhältnis abgelehnt worden.

Den erbitterten Kampf um sein gastronomisches „Baby“ führt Roj-
hat Inan deshalb seit Sommer vergangenen Jahres öffentlich. Er startet eine Petition, die von rund 1300 Menschen unterzeichnet wird. Er schreibt Ratsfraktionen an und fordert in der Bürgerfragestunde den Dialog ein – vergeblich. Im Rat erntet Inan Kopfschütteln und Augenrollen bei Vertretern aller Fraktionen. Dort stellt man stattdessen die Weichen für die Zukunft: Die Wanderstation soll um einen Ausstellungsraum erweitert und deutlich aufgewertet werden.

Dass es eine Zukunft unter einem anderen Betreiber sein wird, steht indes längst fest: Da der Mietvertrag auf fünf Jahre befristet ist, muss Inan trotz des gewonnenen Prozesses die „Wanderbar“ räumen. Er entfernt in den vergangenen Wochen den kompletten Innenausbau – eingezogene Wände, Sanitär- und Elektrik. Ein Nachfolger wird deshalb wieder bei Null anfangen und erheblich investieren müssen. „Meine Vorschläge, das Café einem Nachfolger zu übergeben, wurden von der Gemeinde leider blockiert“, sagt Inan.

Wie geht es nun weiter?

Wie es mit der Gastronomie an dem Standort weitergeht, steht nun in den Sternen. Denn angesichts der Corona-Krise sitzt das Geld bei Gastronomen und Banken nicht unbedingt locker. Ohnehin werde ein neuer Pächter nicht auf einer Baustelle starten können, sagt Jorma Klauss. Realistisch sei ein Neubeginn erst gegen Ende der Arbeiten an dem Erweiterungsbau. Dieser sollte nach der ursprünglichen Planung in diesem Jahr erfolgen. „Ob der Zeitplan zu halten ist, können wir derzeit nicht sagen. Ich finde es bedauerlich, dass wir an diesem Standort aktuell kein gastronomisches Angebot machen können“, sagt der Bürgermeister. „Dass dieses Mietverhältnis nicht weitergeführt werden konnte, liegt aber einzig und allein an der Nichteinhaltung der Verträge durch den Pächter. Dies ist die eindeutige Beschlusslage im Gemeinderat – und dafür gibt es gute Gründe.“

https://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eifel/roetgen/gericht-gibt-wanderbar-betreiber-recht_aid-50437255#successLogin

Foto: M. Rose