Roetgener Wald erhält düstere Prognosen

Die gröbsten Schäden sind beseitigt, die vom Tornado Mitte März umgeknickten Bäume aus dem Wald geholt. Doch erst jetzt zeigt sich, welche katastrophalen Auswirkungen der schwere Wirbelsturm auf den Wirtschaftswald der Gemeinde tatsächlich hat.

So zeichnet der Roetgener Förster Wolfgang Klubert bei der Vorstellung des Wirtschaftsplans 2020 auch mittel- und langfristig ein eher düsteres Bild. Bislang wurden in diesem Jahr bislang rund 12.000 Festmeter Holz im Gemeindewald geschlagen – weit mehr als das Doppelte der üblichen Menge.

9500 Festmeter davon gingen auf das Konto des Tornados, der am 13. März den Ortsrand streifte, um dann Richtung Wald abzudrehen, wo er eine weithin sichtbare Schneise der Verwüstung hinterließ. Immerhin 2500 Festmeter Holz mussten zudem geschlagen werden, weil die Bäume durch den akuten Befall mit Borkenkäfern ansonsten wertlos geworden wären. „Und damit sind wir noch nicht am Ende“, sagt Klubert am Dienstagabend vor dem Forstausschuss der Gemeinde. Letztlich könne sich die Gesamtmenge auf bis zu 15.000 Festmeter summieren. Angesichts der im Tiefflug befindlichen Holzpreise sei dies „eine Katastrophe“.

„Der Wald führt uns die Folgen des Klimawandels dramatisch vor Augen“, sagt Klubert. Deutschlandweit litten die Wälder unter Hitze und Trockenheit. Das macht vor allem Fichten anfällig für den Borkenkäfer. „Wir haben in diesem Jahr fieberhaft gearbeitet, um nicht noch mehr Verluste einzufahren. Die Zeit saß uns im Nacken.“ An den Rändern der 3,5 Kilometer langen Tornadoschneise seien bereits viele Bäume von Borkenkäfern befallen gewesen. Während der Förster für frisches Tornadoholz anfangs noch 52 Euro pro Festmeter erlösen konnte, sind es nunmehr lediglich 22 Euro. Klubert: „Wir müssen unser Holz derzeit zu unakzeptablen Preisen verscherbeln – das tut weh.“

Auch im kommenden Jahr werden sich der Förster und seine Mitarbeiter um die Pflege der Bäume entlang der Schneise kümmern. Daher sei es nicht sinnvoll, bereits mit der Neupflanzung zu beginnen. „Das dicke Ende kommt erst 2021, wenn die ersten größeren Investitionen auf die Gemeinde zukommen. Es geht um Zehntausende Bäume, die neu gepflanzt werden müssen.“ 30 Hektar Fläche habe man durch den Tornado verloren, 15 Hektar durch Borkenkäfer. Deutschlandweit müssten aktuell fast 200.000 Hektar neu bepflanzt werden – aufgrund des klimabedingten Käferbefalls.

Die Pflanzschulen könnten so viele neue Bäume allerdings kaum liefern. Gleichzeitig sei zu befürchten, dass die Preise weiter im Keller blieben, „weil der Holzmarkt völlig übersättigt ist“. Im neuen Forstwirtschaftsplan rechnet Klubert derzeit dennoch mit Erlösen von immerhin 35 Euro pro Festmeter – eine eher optimistische Annahme, wie er zugibt. Denn auch in den kommenden Jahren sei mit einem eigentlich ungeplanten Einschlag – der Experte spricht von Kalamitätseinschlag – von mindestens 4000 Festmeter zu rechnen.

Dies erschwert nicht zuletzt die Inanspruchnahme von Fördergeldern. „Die aktuelle Förderung durch den Bund ist nicht praktikabel“, ärgert sich Klubert. „Ich müsste hellseherische Fähigkeiten haben, um an Unterstützung zu kommen.“ Das Problem sei, dass mit dem Beginn von Arbeiten bis zur Bewilligung des Förderbescheides gewartet werden müsse. „Wenn der Borkenkäfer im Baum steckt, zählt aber jeder Tag. Wenn ich warte, produziert das höhere Verluste als ich durch die Förderung gewinne.“

Anerkennung für seine Arbeit erntet der Förster letztlich auch durch die einstimmige Annahme seines Wirtschaftsplans – ein Ereignis mit Seltenheitswert. Deutlich zäher gerät da die Debatte um neue Baumpflanzungen innerhalb der drei Roetgener Ortschaften. Die Grünen hatten ursprünglich beantragt, dass für jeden innerorts gefällten Baum „zwei bis drei“ neue gepflanzt werden sollten.

Der Antrag findet zunächst über alle Parteigrenzen hinweg ein grundsätzlich positives Echo. Letztlich setzt sich Bürgermeister Jorma Klauss allerdings mit seinen Einwänden durch. Der SPD-Politiker argumentiert, eine derart starre Regelung werde die Verwaltung in Schwierigkeiten bringen, da die für neue Baumpflanzungen geeigneten Gemeindeflächen begrenzt seien. Klauss hat nachzählen lassen und kommt derzeit auf lediglich fünf.

Schließlich punktet Silvia Bourceau (UWG) mit einem Kompromissvorschlag: Die Gemeinde verpflichtet sich demnach, im kommenden Jahr besagte fünf Bäume zu pflanzen und danach im Jahresturnus über die Entwicklung des Baumbestands zu informieren. Gegebenenfalls sollen in den Folgejahren dann deutlich mehr Bäume gepflanzt werden. Das ist am Ende auch eine Kostenfrage, da der Bürgermeister mit rund 300 Euro pro Baum kalkuliert – er will Linden, Rotbuchen oder Kastanien pflanzen, die das Ortsbild in den kommenden Jahrzehnten prägen sollen. Auch die Grünen stimmen letztlich zu.

„Unter der Bedingung, dass sich der Bürgermeister im kommenden Jahr nicht von der Presse vor jedem einzelnen Baum ablichten und feiern lässt“, sagt Gerd Pagnia zur allgemeinen Erheiterung.

 

https://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eifel/tornado-und-klimawandel-duestere-prognosen-fuer-wald-in-roetge_aid-46238139

Foto: Marco Rose