Roetgener Pflegeheim wird ausgebaut!!

 Ein emotionales Thema sorgte am Donnerstag bei der Gemeinderatssitzung in Roetgen für viele Fragen bei den Zuschauern. Schwere Vorwürfe fielen dabei gegen den Betreiber der Itertalklinik. Der Abend zeigte: Pflege im Alter beschäftigt nicht nur Senioren.

Wie sieht gute Pflege überhaupt aus? Braucht Roetgen dazu eine noch größere, zentrale Einrichtung im Ortskern? Und wie ist die aktuelle Situation in der Einrichtung der Itertalklinik an der Jennepeterstraße zu bewerten? Das sind die bestimmenden Fragen der Gemeinderatssitzung am Donnerstagabend, bei der Betroffene aus dem Publikum schwere Vorwürfe gegen den Betreiber erheben.

Die hoch emotional geführte Debatte wird bereits in der Bürgerfragestunde eingeleitet. Bis auf den letzten Platz sind die Besucherränge gefüllt, denn das Thema beschäftigt längst nicht nur die Senioren im Ort. Viele melden sich zu Wort: Linde Brasse etwa, die sich in der Zwar-Gruppe (Zwischen Alter und Rente) engagiert, oder Sandra Kuka, eine Roetgener Gesundheitswissenschaftlerin aus dem Forschungszentrum Jülich. Sie alle treibt die Sorge vor einem Pflege-Monopol für die umstrittene Alloheim-Gruppe in Roetgen um.

Streit um den tatsächlichen Bedarf

Dass das Thema überhaupt noch einmal auf den Tisch kommt, ist den Grünen um Ratsherr Bernhard Müller zu verdanken. „Ich hätte den Mut nicht mehr gehabt, dabei war das immer unsere Position“, sagt UWG-Politikerin Silvia Bourceau. Über das Baurecht sehen die Grünen eine Möglichkeit, die seit vier Jahren geplante Erweiterung des Heims auf mehr als 80 Pflegeplätze plus Demenzgruppe sowie 46 Servicewohnungen doch noch zu stoppen. Müller holt bei der Vorstellung des Antrags im Rat weit aus: Die Planung gehe am tatsächlichen Bedarf und vor allem den Interessen der Menschen vorbei, die nicht mehr in großen Heimen, sondern möglichst zu Hause betreut werden wollten. Müller stellt Fragen: „Wollen wir die Hilfsbedürftigen in eine Einrichtung bringen, die vom Charakter her auf maximalen Profit zielt? Wollen wir damit andere, zeitgemäßere Einrichtungen blockieren? Und brauchen wir überhaupt ein so großes Haus?“ Das betreute Wohnen sei schließlich nur „eine Honigfalle, um die Menschen in Ihr Heim zu locken“.

In der Folge geht es hoch her im Rat: Bürgermeister Jorma Klauss (SPD) maßregelt das applaudierende Publikum und sorgt sich um die Einhaltung der Redezeit. SPD-Fraktionschef Klaus Onasch erneuert einen aus seinen Reihen bereits erhobenen Vorwurf gegen Müller: „Das ist Demagogie, was sie hier machen!“ Worauf dem so Angegriffenen die einstigen CDU-Rebellen von der PRB beispringen: „Bei allem Respekt vor den Redekünsten des Kollegen – Müller ist nicht Joseph Goebbels“, ätzt Bernd Vogel.

Silvia Bourceau wiederum erhebt schwere Vorwürfe gegen den Betreiber des Seniorenheims, teilt aber auch kräftig gegen Verwaltung und Bürgermeister aus. „Sie, Herr Bürgermeister, sorgen für hohe Renditen der Betreiber, nicht für gute Pflege!“ Die Glaubwürdigkeit des Investors sei nach einer mittlerweile vierjährigen Hängepartie ohnehin schwer angekratzt. „Sie, Herr Kösters, hatten hier schon eine Eröffnung im Jahr 2018 versprochen“, wendet sie sich an den Geschäftsführer der Itertalklinik, Christoph Kösters.

Der Bürgermeister hingegen macht sich, so sagt er, „Sorgen um die Pflegebedürftigen in Roetgen“. Derzeit fehlten im Ort laut Bedarfsplanung der Städteregion 26 Vollpflegeplätze. Klauss: „Ich finde es gut, wenn man sich Gedanken um alternative Betreuungsformen macht. Diese können aber nicht die klassische Pflege ersetzen.“ Auch sein Parteikollege Onasch verweist auf den Bedarf. „In 20 Jahren werden wir noch mehr pflegebedürftige Menschen haben.“ Daher müsse man dafür sorgen, genug Vollpflegeplätze im Ort bieten zu können. Dies ist auch das Anliegen der Christdemokraten. Vielen ginge es doch gar nicht um die Pflege, sondern um die Verhinderung eines großen Gebäudes im Ort, meint Fraktionschef Michael Seidel. „Alloheim ist außerdem schon da, die kriegen wir nicht mehr weg“, sagt er.

Anita Buchsteiner (PRB) kündigt unterdessen volle Unterstützung für die Grünen an: „Ein Anbieter im Ort ist zu wenig. Die Menschen möchten auch im Alter auswählen können. Es wird aber kein anderer Träger nach Roetgen kommen, wenn dieses Haus wie geplant erweitert wird.“

  Eine große Koalition im Roetgener Gemeinderat setzt trotz aller Probleme und Verzögerungen in den vergangenen vier Jahren weiter auf das Konzept eines zentralen, großen Pflegeheims im Ort. Und damit auch auf den umstrittenen Großkonzern Alloheim und seine hiesige Tochter, die Itertalklinik. Es ist eine Koalition der Mutlosen.

Denn gleichzeitig wird mit der Erweiterung des Pflegeheims an der Jennepeterstraße das bestehende System zementiert. Es ist ein System, von dem die Besucher im Gemeinderat am Donnerstagabend viel aus eigener Erfahrung berichten können. Angehört wurden sie nicht. Besonders für die Sozialdemokraten dürfte sich das noch bitter rächen. „Ich bin heute gekommen, um zu sehen, ob ich nicht falsch gewählt habe“, sagt eine examinierte Pflegekraft. Man braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu wissen, wen sie meint.

Christoph Kösters verteidigt sich

Dem Gründer und inzwischen von der Alloheim-Gruppe angestellten Geschäftsführer der Itertalklinik, Christoph Kösters, platzt unterdessen zusehends der Kragen. Er nutzt zwei Fragen des Bürgermeisters, um gegen seine Kritiker auszuteilen: „Sie bauen da einen Popanz auf! Die Leute bei uns sind zufrieden. Ich gehe in jede Sitzung des Heimbeirats, um mich davon zu überzeugen.“ Die Heimaufsicht habe in Roetgen nicht umsonst bislang keinen Anlass zur Klage gehabt. Ohne Profit lasse sich im übrigen kein Heim betreiben. Außerdem sei dieser längst nicht so groß, wie von den Grünen dargestellt.

Bourceau hält dagegen: „Das ist eine Unverschämtheit! Ist das eigentlich Ihre Strategie, mit billigen gemeindeeigenen Grundstücken zu spekulieren?“ Bernd Vogel (PRB) ärgert sich wiederum, „dass Herrn Kösters hier die Gelegenheit gegeben wird, seine Sicht der Dinge auszubreiten, während die Roetgener Bürger schweigen müssen“. Synergie in der Pflege heiße doch „nichts anderes als weniger Pflegekräfte“.

Diese Ansicht teilt man auch auf den Besucherplätzen, wo Unterschriftenlisten gegen die Alloheim-Gruppe die Runde machen. Eine examinierte Pflegekraft, die die Bedingungen im Heim an der Jennepeterstraße von zahlreichen Besuchen einer älteren Freundin kennt, spricht von „katastrophalen Zuständen“. Sie will anonym bleiben, um ihre Freundin zu schützen.

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Diese Ansicht teilt man auch auf den Besucherplätzen, wo Unterschriftenlisten gegen die Alloheim-Gruppe die Runde machen. Eine examinierte Pflegekraft, die die Bedingungen im Heim an der Jennepeterstraße von zahlreichen Besuchen einer älteren Freundin kennt, spricht von „katastrophalen Zuständen“. Sie will anonym bleiben, um ihre Freundin zu schützen.

Am Ende nutzt aller Widerstand nichts: 16:10 heißt es nach langer Debatte. Mit den Stimmen von SPD, CDU und der des FDP-Vertreters wird der Antrag der Grünen abgeschmettert. Ein Runder Tisch soll, so wie vom Sozialausschuss am Dienstag auf Anregung der Grünen vorgeschlagen, die Situation in Roetgen nun analysieren und alle Beteiligten zusammenbringen.

 

https://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eifel/roetgen/das-thema-pflege-im-alter-wird-in-roetgen-diskutiert_aid-47360055