Roetgen braucht mehr qualitativ hochwertige Heimplätze

Entscheidung über Erweiterung des Seniorenheims erneut vertagt

 Schon seit Jahren diskutiert der Gemeinderat über einen Erweiterungsbau für das Pflegeheim an der Jennepeterstraße. Nach einem Bürgerantrag debattierte erneut der Sozialausschuss. Klar ist: Roetgen braucht zusätzliche Plätze in Pflegeheimen.

Es ist eine Frage, die vielen Menschen unter den Fingernägeln brennt: Wie möchte ich leben, wenn ich alt bin? Nur wenige Menschen sagen, dass sie in ein Pflegeheim wollen. Ob die Gemeinde Roetgen neue Plätze in solchen Einrichtungen braucht, steht aktuell zur Debatte.

In der vergangenen Sitzung des Roetgener Bildungs-, Generationen-, Sozial- und Sportausschusses sprach Michael Ziemons, Dezernent des Dezernates für Soziales und Gesundheit der Städteregion Aachen über den Pflegebedarfsplan. Diskussionsgegenstand war ein weiteres Mal die Erweiterung des Seniorenzentrums an der Jennepeterstraße in Roetgen. Das Heim wird betrieben von der Itertalklinik, seit 2018 gehört der Pflegeheimbetreiber zum Großkonzern Alloheim. Die Einrichtung geriet in den vergangenen Monaten immer wieder in die Schlagzeilen – nicht immer positiv (wir berichteten).

Eine Gruppe von Bürgern um Linde Brasse sowie Frauke und Helmut Sontag fordert, dass die Erweiterung des Heimes auf Eis gelegt werden soll, solange die im Frühjahr bekannt gewordenen Mängel – auf Details durfte Ziemons aus Datenschutzgründen nicht eingehen – nicht restlos beseitigt sind. Vor dem Ausschuss konnte Helmut Sontag nun erneut seine Haltung gegen die Erweiterung kundtun, und sprach sich gleich dafür aus, das Pflegekonzept in Roetgen im Gesamten zu überdenken. Es sei zu verhindern, „dass in die jetzige Pflegeform weiter investiert wird, ohne ein Konzept zu haben, wie man in Roetgen altern möchte“, sagte Sontag.

Für ihn gehe es dabei explizit nicht um Menschen, die sich noch artikulieren können, sondern um diejenigen, denen dies nicht mehr möglich ist. Da es in Roetgen in den vergangenen Jahren immer die Möglichkeit gegeben habe, einen Kurzzeitpflegeplatz zu erhalten, gebe es keinen Bedarf an weiteren Plätzen in stationären Pflegeheimen wie der Itertalklinik. „Der Status Quo sollte beibehalten werden“, forderte er.

Mit großem Interesse folgte der Rat nicht nur den Ausführungen Sontags, sondern ebenfalls denen von Michael Ziemons, der aus Sicht der Städteregion aufzeigte, wie es um die Situation der Pflegeplätze in Roetgen bestellt ist. Dabei wurde deutlich, dass es durchaus einen Bedarf an entsprechenden Plätzen gibt – was eine am selben Abend vorgestellte Studie zum Leben und Wohnen in der Eifel im Alter bestätigte.

Es gebe in Roetgen zwei Pflegeeinrichtungen, sagte Ziemons, wobei die privat geführte Itertalklinik derzeit über 62 Plätze verfüge. Damit eine stationäre Pflegeeinrichtung aber wirtschaftlich betrieben werden könne, brauche es 80 Plätze, erläuterte Ziemons. Das gelte gleichermaßen für private Heime als auch für solche in öffentlicher oder gemeinnütziger Hand. Seitdem die Itertalklinik das Gebäude an der Bundesstraße nicht mehr nutzt, fehlen der Einrichtung insgesamt 18 Plätze, die ihr auf dem Papier zustehen. Diese Plätze könnten nur mit einer Erweiterung an der Jennepeterstraße auch tatsächlich angeboten werden. Dafür müsse der Gemeinderat einem entsprechenden Bauvorhaben zustimmen.

Missstände aufgearbeitet

Zusätzlich zu diesen 18 Plätzen seien im Pflegebedarfsplan für Roetgen neun weitere Plätze enthalten, auf die sich Betreiber von Pflegeheimen, egal ob privat oder gemeinnützig getragen, beweben können. Dabei kann es sich um einen neuen Träger handeln, aber auch um die nicht unumstrittene Itertalklinik. Wer den Zuschlag am Schluss erhalte, hänge davon ab, wer das ansprechendste Konzept vorlege, erklärte Ziemons. Natürlich achte die Städteregion darauf, welche Erfahrungen man im Vorfeld mit den Betreibern gemacht habe.

Schlechte Erfahrungen seien aber nicht automatisch ein Ausschlusskriterium. Die Mängel in der Itertalklinik betreffend machte Ziemons deutlich, dass man nicht nur das bewertet habe, was beim Besuch aufgefallen sei, sondern auch die Berichte aus der Bevölkerung ernstgenommen und miteinbezogen habe. Bei einer zweiten, kürzlich erfolgten Begehung des Hauses habe sich gezeigt, dass die Betreiber die kritisierten Missstände aufarbeiten würden. Er distanzierte sich von der Aussage, es gebe im Heim strukturelle Missstände.

Mit Bezug auf den Wunsch nach alternativen Pflegekonzepten fügte Ziemons hinzu: „Jede Pflegeform hat ihre Berechtigung. Man kann gute Argumente für die häusliche Pflege finden als auch für die ambulante Pflege-WG, die Tagespflege oder die Unterbringung in einer stationären Einrichtung.“ Menschen, die durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) in die Pflegegrade 4 und 5 eingestuft werden, zu Hause zu pflegen, sei außerdem schwierig – auch in finanzieller Hinsicht. „Eine 24-Stunden-Pflege zu Hause ist in Deutschland kaum zu bezahlen“, stellte Ziemons fest.

Roetgens Bürgermeister Jorma Klauss (SPD) machte indes erneut deutlich: „Die Gemeinde hat keine eigene Zuständigkeit für den Bereich Altenpflege.“ Es sei auch kein primär sozialpolitisches Thema, über das der Rat zu entscheiden habe, es gehe weiterhin vor allem um das Baurecht, sagte er.

Viele Nachfragen

Rainer Welzel (UWG) wollte wissen: „Läuft Roetgen Gefahr, die 18 Plätze zu verlieren, wenn die Itertalklinik nicht bauen darf?“ Diesbezüglich erläuterte Ziemons, dass es für den Betreiber nicht einfach sei, die Plätze an einem anderen Standort bauen zu dürfen, aber dass es durchaus Konstellationen gebe, in denen dieser Fall eintreten könne. Das könne auch passieren, wenn die Gemeinde Roetgen der Itertalklinik dauerhaft eine Baugenehmigung zu erteilen verweigere.

Rainer Nießen (SPD) fragte indes, ob es eine Verpflichtung des Betreibers gebe, die 18 Plätze zu einem bestimmten Zeitpunkt nach einer Entscheidung zur Verfügung zu stellen. Dies verneinte Ziemons.

Ronald Borning (CDU) verlieh seiner Sorge Ausdruck, dass die neun Plätze, die für Roetgen im Bedarfsplan festgehalten seien, an eine andere Kommune gehen könnten, sollte bis zum 3. Juli keine Bewerbung eingegangen sind. Ziemons machte dazu keine Angaben.

Wolfgang Schruff (PRB) interessierte, ob die Städteregion die Itertalklinik für die 18 nur auf dem Papier vorhandenen Plätze bezahle. „Leere Betten wurden nur während der Corona-Krise bezahlt“, entgegnete Ziemons. Schruff kritisierte zudem die aus seiner Sicht mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit seitens der Itertalklinik: „Es kommt nichts vom Betreiber oder Investor.“

Zu einer Entscheidung kam es im Laufe der Sitzung nicht. Das Thema soll nach der Kommunalwahl im Herbst erneut auf das Tableau kommen. Bis dahin soll allerdings im Arbeitskreis „Älter werden in Roetgen“ weiter über das Thema debattiert werden.

 

https://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eifel/entscheidung-ueber-erweiterung-des-seniorenheims-erneut-vertagt_aid-51941369