Netliner soll den Ortsbus ersetzen

 Direktere und schnellere ÖPNV-Verbindungen will die Gemeinde Roetgen gemeinsam mit der Aseag schaffen und den Ortsbus durch einen Netliner ersetzen – also durch ein System ohne festen Fahrplan und ohne Linienbindung, wie es in Monschau schon länger genutzt wird. Im Dezember soll die Testphase beginnen.

Zur Finanzierung des Projektes möchte die Gemeinde auch ein Stück des 33 Millionen Euro dicken Kuchens abhaben, den das Ministerium für Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen für den Landeswettbewerb mit dem etwas sperrigen Titel „Mobil.NRW – Modellvorhaben innovativer ÖPNV im ländlichen Raum“ gebacken hat. Diese Summe steht zur Förderung von Modellvorhaben im ländlichen Raum für die Jahre 2020 bis 2023 bereit. Die maximale Förderung pro Projekt beträgt fünf Millionen Euro über drei Jahre. Die Förderquote beträgt 75 Prozent und schließt unter anderem auch Betriebs- und Personalkosten sowie Kosten für Marketingmaßnahmen mit ein.

Aus ganz NRW wurden 38 Projektskizzen eingereicht, wovon eine Experten-Jury 15 ausgewählt hat, darunter auch das Projekt aus Roetgen. Nun fehlte nur noch ein Förderantrag, der bis zum 1. Mai bei der Bezirksregierung eingereicht werden muss. Mit der Erarbeitung eines entsprechenden Antrags hat die Politik die Gemeindeverwaltung in der jüngsten Ratssitzung jetzt einstimmig beauftragt.

Für das Netliner-System sollen die bereits bestehenden Haltestellen genutzt werden „und durch zusätzlich einzurichtende Spots oder virtuelle Haltestellen“ ergänzt werden, um das Gemeindegebiet vollständig abzudecken. Fahrten von Tür zu Tür, wie mit einem Taxi, sind aber nicht vorgesehen. Außerdem müssen Fahrtwünsche vorher angemeldet werden. Dazu muss man sich einmalig registrieren, entweder über eine App, telefonisch oder im Internet. Touristen oder Besucher haben die Möglichkeit, sich als Gast anzumelden und das System ohne Registrierung zu nutzen.

„Eine zunehmende Flexibilisierung des Angebotes gehört zu den heutigen Anforderungen des ÖPNV und an die Mobilität. Starre Fahrpläne sind, insbesondere in peripher gelegenen Ortschaften (im ländlichen Bereich) mit geringer Taktung und wenigen Linien kaum an den wachsenden Flexibilitätsanspruch der Gesellschaft anzupassen. Im Projekt soll genau diese Lücke geschlossen werden“, war in der Vorlage zu lesen, die die Gemeindeverwaltung den Politikern an die Hand gegeben hatte.

Das bestehende Busnetz biete mit den Schnellbuslinien 63 beziehungsweise 66 zwar eine Anbindung in Richtung Aachen sowie nach Simmerath und Monschau. Je nach Wohnlage seien die Haltestellen dieser Linien aber nicht schnell und ohne Umstiege erreichbar. Der Netliner solle also nicht nur mehr direkte Verbindungen schaffen, sondern auch als Zubringer dienen. Damit würde die Ortsbuslinie 64 obsolet und vollständig durch den Netliner ersetzt. Nur der Schülerverkehr würde dann noch mit dem regulären Linienverkehr bewältigt.

Grundsätzlich werde das Angebot gegenüber der bisherigen Linie 64 an Wochentagen um zwei Stunden bis 22 Uhr erweitert. Zusätzlich würden auch die Ortsteile Mulartshütte und Rott eingebunden. Ergänzend dazu werde am Wochenende von 8 bis 18 Uhr eine neues Angebot eingerichtet, das vorher so nicht vorhanden war. Geplant ist, für das neue Angebot an den Wochenenden zunächst nur ein Netliner-Fahrzeug einzusetzen. Während einer Pilotphase soll dann geprüft werden, ob dafür auch Taxis eingesetzt werden könnten.

Die Testphase für das gesamte System wird drei Monate betragen. In dieser Zeit werden Testkunden einen exklusiven Zugang zu dem System bekommen. Die Anzahl der Testkunden sei aber nicht begrenzt und steigere sich erfahrungsgemäß schon in der Testphase, erklärte die Verwaltung. Dazu werde im Voraus auf den Internetseiten der Aachener Straßenbahn und Energieversorgungs-AG (Aseag) und der Gemeinde um Testkunden geworben. Interessierte könnten sich dann „einfach und schnell“ über ein Anmeldeformular online registrieren.

Für die Testkunden sei die Nutzung des Netliners in der Pilotphase dann kostenlos. „Dies bietet den Anreiz zur Registrierung und Nutzung des Systems.“ Während der Testphase werde es auch Abendveranstaltungen mit den Testnutzern geben, um Rückmeldungen und weitere Informationen zu erhalten und das System gegebenenfalls zu optimieren. Das sei bei der Einführung des Netliners in Monschau bereits erfolgreich erprobt worden. Dort habe sich Anzahl der Testkunden innerhalb der Pilotphase von 50 auf 100 verdoppelt.

Die Gemeinde und die Aseag schätzen die Gesamtkosten für das Förderprojekt über 2,5 Jahre auf rund 1,72 Millionen Euro. Gefördert werden davon nur Betriebskostendefizite. Das heißt, dass die Einnahmen und Einsparungen gegengerechnet werden müssen. Die werden auf rund 320.000 Euro geschätzt. So werden bei einer Förderquote von 75 Prozent Fördermittel von circa 1,05 Millionen Euro eingeplant. Der Eigenanteil der Gemeinde wird mir rund 350.000 Euro angegeben.

https://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eifel/roetgen/der-netliner-soll-den-ortsbus-ersetzen_aid-50283301

Foto: Andreas Gabbert