Größte Landschaftszerstörung in der Eifel??

Eine „großflächige Landschafts- und Naturzerstörung in der Eifel“ befürchtet der Verein Natur-Landschaftsschutz-Nordeifel e.V. (NLN), sollte der Regionale Energieplan Aachen 2030 („Render“) Wirklichkeit werden.

Im Vorfeld der Ratssitzung in Roetgen am Dienstag, wo das Thema behandelt wird, äußerten sich nun Vertreter des NLN äußerst kritisch zu den Plänen, in der gesamten Nordeifel (Roetgen, Simmerath, Monschau) langfristig 64 weitere Windräder zu errichten.

Das englische Wort „render“ kann man mit „machen“ übersetzen. Es bezeichnet aber auch den Zusammenschluss von neun Partnern mit dem Ziel eines gemeinsamen Energieplans bis zum Jahr 2030 für die Stadt und Städteregion Aachen. Der Begriff aus dem Englischen ist von den Initiatoren des Konzepts wohl nicht zufällig gewählt, denn mit Render möchte man in Sachen Energiewende „machen“ statt nur darüber reden. Diese durchaus hehre Idee geht für die erklärten Windpark-Gegner Rainer und Katharina Ständer sowie Rainer Hülsheger jedoch in die falsche Richtung.

Denn in ihren Augen sind die angestrebten Ziele der CO2-Reduzierung nicht durch immer noch mehr und größere Windenergieanlagen zu erreichen, sondern in erster Linie durch Energieeinsparung, vor allem im Bereich Kraftfahrzeugverkehr. Zunächst aber bewertet die Umweltinitiative die Zusammensetzung und die Vorgehensweise von „Render“ äußerst kritisch. „Render ist ein Zusammenschluss von neun Partnern, aber Umweltverbände gehören hier nicht dazu. Dies zeigt bereits die einseitige Zielrichtung“, sagt Rainer Ständer und fragt sich, warum die Umweltverbände außen vorgelassen wurden. „Ein Vertreter unseres Vereins hatte an zwei oder drei Veranstaltungen teilgenommen. Nachdem er feststellte, dass eine kritische Mitarbeit nicht erwünscht war, nahm er von einer weiteren Teilnahme Abstand“, berichtet Ständer.

Eine „Mogelpackung“ ist für den Verein NLN auch die Aussage, Projektinitiator von „Render“ sei die Aachener Hochschule. Rainer Ständer: „Richtig ist, dass das Forschungsinstitut für Wasser- und Abfallwirtschaft an der RWTH Aachen e.V. Projektinitiator ist und den Regionalen Dialog federführend koordiniert. Es handelt sich dabei aber nicht um ein Institut der RWTH, sondern nur um ein sogenanntes ‚An-Institut‘. Dies sind organisatorisch, wirtschaftlich und rechtlich eigenständige Forschungseinrichtungen, die zwar eng mit der RWTH zusammenarbeiten, in der Regel jedoch von Industrie- und Wirtschaftsverbänden sowie Unternehmen getragen werden.“ Es stelle sich daher die Frage, so der NLN, „ob das Forschungsinstitut für Wasser- und Abfallwirtschaft für die Ausgabe ausreichend qualifiziert war und warum gerade dieses Institut die Untersuchungen initiierte und koordinierte.

Die mögliche Nicht-Eignung habe sich dann auch bei der Bürgerbefragung gezeigt, deren Ergebnisse im Rahmen von „Render“ immer wieder als Grundlage für die weitere Vorgehensweise gedient hätten. Viele der Fragen, die rund 1000 Bürgerinnen und Bürgern in der gesamten Städteregion gestellt wurden, seien „tendenziös“ gewesen, und die Vorabinformation der Befragten habe die negativen Auswirkungen von Windenergieanlagen beschönigend dargestellt, kritisiert Rainer Ständer und sagt: „Wichtige und naheliegende Fragen wurden nicht gestellt.“ Auch die Auswahl der befragten Personen ging für den NLN an der Realität vorbei. „Es wurden 1002 Personen befragt. Hiervon waren nur 7,6 Prozent aus Monschau, Roetgen und Simmerath. Genau dort soll jedoch fast die Hälfte der neu geplanten Windenergieanlagen, nämlich 64, gebaut werden“, wundert sich Ständer.

Bei den Ergebnissen der Befragung wurde ein klares Votum der Bürger, das sich trotz (oder wegen?) des hohen Anteils befragter Städter (47 Prozent) ergab, aus Sicht der Umweltschützer außer Acht gelassen. Katharina Ständer: „71,9 Prozent der Befragten räumen dem Artenschutz einen Vorrang gegenüber Windenergieanlagen ein. Und 69,7 Prozent räumen den Erholungsgebieten einen Vorrang gegenüber WEA ein. Bezüglich des Landschaftsbildes ist das Ergebnis fast ausgeglichen. Ein Vorrang für Windenergie lässt sich aus diesen Zahlen unseres Erachtens nicht ableiten, wird aber in der Zusammenfassung behauptet.“

Unvollständig und unzutreffend ist für den NLN auch die Vorinformation, es gebe ein 75-Prozent-Ziel zur Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien in der Städteregion Aachen. „Für ein solches Ziel liegt kein Beschluss der Städteregion vor, und die 75-Prozentmarke wurde von einem Gutachter schon 2010 als unrealistisch eingestuft“, erinnert Rainer Ständer. Auch die Neuausrichtung der Energie- und Klimapolitik in NRW und die formulierten Ziele des EEG bis 2035 seien an den Machern der Befragung und der Vorabinformation offensichtlich vorbeigegangen, glaubt Rainer Ständer. „Die neuen Ziele sind seit langem bekannt und hätten in den Prozess einfließen müssen. Der neue Landesentwicklungsplan ist inzwischen vom Kabinett verabschiedet“, so Ständer.

Auch im Ergebnisbericht finden die Umweltschützer viele Kritikpunkte wie unzutreffende Rückschlüsse, nicht plausible Empfehlungen an die Kommunen (unter anderem bezüglich der Abstandsregelung von Windenergieflächen zur Wohnbebauung) und die Empfehlung zum Bau von Windenergieanlagen auf Waldflächen. All dies habe mehr als nur ein „Gschmäckle“, sagen Katharina und Rainer Ständer und treffen auch auf Zustimmung bei ihrem Vereinsmitglied Rainer Hülsheger, der auch CDU-Mitglied ist. Sie hoffen, dass der Gemeinderat in seiner Sitzung am Dienstag den nächsten Schritt im „Render“-Prozess noch nicht vollzieht, da vieles noch unausgegoren und schleierhaft sei. Trage der Rat das weitere Vorgehen mit, bedeute dies 24 neue Windräder allein für den Roetgener Wald, einen von 300 auf 100 Meter pauschal reduzierten Abstand der Energieanlagen zu Schutzgebieten und einen weiteren Verlust der Erholungsfunktion der Roetgener Natur. „Es wäre“, so das drastische Fazit von Rainer Ständer, „die größte Landschaftszerstörung, die der Südkreis jemals erlebt hat“

https://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eifel/groesste-landschaftszerstoerung-in-der-eifel_aid-39788491

Foto: Heiner Schepp