Friedhofskultur im Wandel

Die Bestattungskultur ist auch in der Nordeifel im Umbruch. In Roetgen steigen die Friedhofsgebühren. Könnte ein neuer Friedwald in Rott entstehen, um dem Wandel entgegenzukommen?

Unter den Jahrzehnte alten Buchen und Eichen auf dem Giersberg in Rott könnten in Zukunft Verstorbene ihre letzte Ruhe finden. Von einem Friedwald für die Gemeinde träumt nicht nur der Verein der Freunde und Förderer der Kreuzweganlage Rott, der mit der Idee zu einem solchen Ruhehain an die Gemeinde herangetreten ist. Auch Bürgermeister Jorma Klauss gerät bei der Vorstellung ins Schwärmen: An einem der schönsten Orte in der Gemeinde begraben zu werden, sei sicher für viele Menschen – nicht nur aus Roetgen – ein überaus schöner Gedanke. Der Berghain habe mit dem Kreuzweg derzeit den Charakter eines nahezu mystischen „Hidden Place“, eines versteckten Ortes.

Könnte die Gemeinde auf diese Weise sogar von einem überregionalen Bestattungstourismus profitieren und zusätzliche Einnahmen generieren? „Oder schießen wir uns selbst in Knie, weil wir zusätzliche Kosten haben und die Nachfrage nach konventionellen Gräbern auf unseren Friedhöfen weiter sinkt?“, fragte Klauss am Dienstagabend im Bauausschuss der Gemeinde in die Runde. Beantworten konnte dies zunächst niemand.

Bestattungskultur im Wandel

Fakt ist: Die Bestattungskultur in Deutschland steckt in einem tiefgreifenden Wandel. Weil die Menschen mobiler werden und im Laufe ihres Lebens oft den Heimatort verlassen, wird vielen die Pflege traditioneller Familiengräber früher oder später zur Last. Die Bindung zu den Kirchen nimmt ab, die Nachfrage nach alternativen Bestattungsformen steigt. Feuerbestattungen liegen im Trend, ebenso wie die Unterbringung von Urnen in Grabeskirchen oder Kolumbarien, wie man sie mittlerweile auch auf dem katholischen Friedhof von Roetgen findet.

Bundesweit findet die Idee der Friedwälder – diesen Begriff hat sich ein hessisches Unternehmen schützen lassen – wachsenden Zuspruch. Immer mehr Kommunen springen auf den Zug auf, zuletzt auch die Gemeinde Hürtgenwald. Am Fuße alter Bäume werden in Vossenack seit einigen Jahren Urnen beigesetzt, die schnell verrotten. Der Mensch wird so eins mit der Natur. Dieser Gedanke beseelt viele Menschen, die Nachfrage nach solchen Bestattungen ist groß.

Für Gemeinden wie Roetgen ist das ein Problem: Hier unterhält man vier große Friedhöfe, darunter mit dem Waldfriedhof in Rott noch eine relativ neue Anlage. Auf diesen werden in den kommenden Jahren voraussichtlich immer weniger Menschen beerdigt. Die ohnehin steigenden Kosten müssen so auf weniger Gebührenzahler verteilt werden. Das werden die Bürger im kommenden Jahr zu spüren bekommen: „Wer sich einmal die Zahlen angeschaut hat, den packt das Grauen“, sagte der Grüne Gerd Pagnia.

Friedhöfe verkleinern?

Am Donnerstag wird die Verwaltung dem Arbeitskreis Friedhof das Zahlenwerk für 2020 vorstellen. Öffentlich diskutiert wird es voraussichtlich am 10. Dezember im Gemeinderat. „Keinen Grund zur Hysterie“ sieht Bauamtsleiter Dirk Meyer angesichts des angekündigten Kostenanstiegs. „Einen Friedhof bauen wir für Generationen. Und im Vergleich zu anderen Kommunen liegen wir in einem guten Rahmen.“ Dennoch müsse man in Zukunft womöglich über die eine oder andere Verkleinerung nachdenken. „Wir können die großen herkömmlichen Friedhöfe nicht mehr in dieser Form erhalten, das ist nicht zeitgemäß“, formulierten es bereits Vertreter der SPD-Fraktion.

Parteiübergreifend stieß die Vorstellung der Friedwald-Idee unterdessen auf große Zustimmung. Dabei war diese Idee eher aus der Not geboren, wie Ernst Knillmann, Vorsitzender des Fördervereins, vor dem Ausschuss offen zugab. Die Kreuzweganlage auf dem Giersberg lasse sich alleine von Spendengeldern kaum noch erhalten. „Die Bereitschaft der Menschen dafür ist nicht mehr so vorhanden.“ Mit den Einnahmen aus dem Ruhehain könne die Gemeinde auch für den Erhalt des Kreuzweges sorgen, hofft Knillmann. „Bei der Schönheit der Natur dort wird das Menschen auch bundesweit anziehen“, ist er überzeugt.

Erwartungen nicht zu hoch schrauben

Bauamtschef Meyer ist von der Idee „sehr angetan“, warnte im Ausschuss aber vor Schnellschüssen und zu hohen Erwartungen: „Eine solche Anlage plant man nicht mal eben so. Die Gemeinde Hürtgenwald hat sechs Jahre für die Realisierung gebraucht.“ Auch UWG-Politikerin Silvia Bourceau, die sich zunächst begeistert zeigte, meinte, die Faktenlage werde wohl eher ernüchternd sein. „Tatsächlich würden wir damit aber dem Wunsch vieler Menschen nachkommen. Außerdem müssen wir angesichts der Tatsache, dass uns traditionelle Friedhöfe immer mehr Geld kosten, womöglich über Teilschließungen bestehender Anlagen nachdenken.“

Über das Meinungsbild zeigte sich der parteilose Günter Severain wiederum „erschrocken“. Roetgen leiste sich vier große Friedhöfe, „während der normale Bürger ein Einzelgrab kaum noch bezahlen kann, weil die Kosten explodieren“. Ein Friedwald würde diese Entwicklung weiter verschärfen, fürchtet er. Mit nur einer Gegenstimme wurde der Antrag damit an den Arbeitskreis Friedhof überwiesen. Dieser muss nun klären, inwieweit ein Friedwald auf dem Giersberg tatsächlich realisierbar ist.

 

https://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eifel/roetgen-begeistert-sich-fuer-die-idee-eines-friedwaldes-in-rott_aid-46986823

Foto: Marco Rose