Ausgeliefert an einen Großkonzern??

 Die Roetgener Grünen machen Front gegen den Pflege-Großkonzern Alloheim, der mit seiner Tochtergesellschaft – der Itertalklinik – das Pflegeheim an der Jennepeterstraße betreibt. Aufgrund massiver Bedenken will die Partei in der Ratssitzung am Donnerstag kommender Woche nun die Notbremse ziehen und die seit Jahren geplante Erweiterung der Einrichtung stoppen.

Stattdessen soll nach den Vorstellungen von Ratsherr Bernhard Müller ein Runder Tisch innerhalb von zwölf Monaten ein neues Konzept und damit Alternativen zu einer an einem Ort konzentrierten Betreuung erarbeiten.

Diese überraschende Wende im Umgang mit dem Investor erläutern die Grünen in einem Antragsschreiben an Bürgermeister Jorma Klauss (SPD). Die Ratsmitglieder haben im Rahmen einer umfangreichen Recherche viele Fakten zusammengetragen, um ihren Antrag zu untermauern. „Wir haben die Planung lange Zeit mitgetragen“, räumt Müller ein. Zuletzt hätten aber wachsende Zweifel an Alloheim zu einem Umdenken und einer völlig neuen Bewertung des Bauvorhabens geführt. Denn die Grünen sehen mittlerweile ein „äußerst fragwürdiges System“ hinter dem Heimbetreiber.

Heim in Simmerath geschlossen

Tatsächlich hat die Alloheim Senioren-Residenzen SE, eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Düsseldorf, in der Eifel bereits für negative Schlagzeilen gesorgt. Im September 2016 hatte die Heimaufsicht der Städteregion Aachen das von der Alloheim betriebene Seniorenheim in Simmerath geschlossen. Grund waren massive Mängel in der Pflege. Die Heimaufsicht sah damals eine „echte Gefährdung der Bewohner“. In der Folge wurde die Einrichtung von der Itertalklinik übernommen, die ihrerseits später ausgerechnet von der Alloheim aufgekauft wurde. Damit gingen auch die von der Itertalklinik in Roetgen betriebenen zwei Seniorenheime an die Alloheim. Das kleinere Haus mit 20 Plätzen an der Bundesstraße wurde vor zwei Jahren geschlossen, weil die Quote an Einzelzimmern für die Bewohner nicht erreicht wurde. Die Einrichtung an der Jennepeterstraße soll dafür deutlich ausgebaut werden und nach einer Erweiterung Platz für 80 Pflegefälle, eine Demenzgruppe mit 13 Plätzen sowie 54 Plätze im betreuten Wohnen bieten. Der Pflegeforscher und Sachverständige Manfred Borutta, Professor an der Katholischen Hochschule in Aachen, sieht darin ein „klassisches Modell aus den 1970er-Jahren – einen Schubkasten, der nur dazu dient, maximalen Profit aus der Pflege alter Menschen zu ziehen“.

Rasantes Wachstum

Die Alloheim SE war nach den Recherchen der Grünen bis 2008 selbst ein mittelgroßer Pflegeheimbetreiber mit 1500 Betten in 13 Heimen. Dann wurde das Unternehmen zunächst an Star Capital Partners mit Sitz in London verkauft, 2013 mit jeweils viel Gewinn an The Carlyle Group (USA) und Ende 2017 für 1,1 Milliarden Euro an Nordic Capital veräußert – mit Hauptsitz auf der Insel Jersey, einer berüchtigten Steueroase. Experten rechnen damit, dass Alloheim SE spätestens 2022 für mehrere Milliarden erneut den Besitzer wechseln wird. Inzwischen ist der Konzern mit geschätzt 23.000 Betten in 210 Heimen an 75 Standorten sowie mehreren Tausend Servicewohnungen und 26 ambulanten Pflegediensten der zweitgrößte Pflegeheimbetreiber in Deutschland. Als Alloheim SE 2017 übernommen wurde, lag nach Informationen von „Börse Online“ der Ertrag vor Zinsen und Steuern bei 88 Millionen Euro, was 16,8 Prozent des Umsatzes entspricht. Die Erwartungen der Geldgeber seien aber noch höher: Sie fordern „Börse Online“ zufolge eine jährliche Rendite von 20 bis 25 Prozent.

Wie kann man mit der Pflege so viel Geld verdienen? „Das geht nur, indem sie vor allem beim Personal massiv sparen“, sagt Pflegeforscher Borutta, der dem Konzern ein vernichtendes Zeugnis ausstellt: „Es geht hier um unsere Sozialversicherungsmittel, die über Umwege nach Jersey transferiert werden – zu Lasten der alten Menschen, die einer seriösen Studie zufolge bei den großen Anbietern deutlich schlechter versorgt werden.“ Und die Gewerkschaft Verdi urteilt, derart hohe Gewinne seien nur möglich „zu Lasten der Mitarbeiter, des verwendeten Materials und der Gebäudeinstandhaltung“. Laut Borutta zahlt Alloheim keine Tariflöhne, „das Personal ist ausgebrannt und müde, weil es in überlangen Schichten arbeiten muss“.

Die Grünen sprechen sogar von einer „menschenverachtenden und unwürdigen Versorgung“ alter Menschen. „Ein Konzern, der solche Renditen liefern muss, wird sich allenfalls am Mindeststandard orientieren, häufig auch darunter“, fürchtet Bernhard Müller. Allerdings: Konkrete Vorwürfe gegen die Häuser in der Eifel erheben die Grünen nicht. Klagen über Mängel lägen derzeit keine vor.

„Absolut haltlose Vorwürfe“

Der Gründer und jetzige Geschäftsführer der Itertalklinik, Christoph Kösters, weist sämtliche Vorwürfe als „absolut haltlos“ zurück. „Wir sind ein eigenständiger Betrieb mit einer eigenständigen Kultur. Bei uns gibt es keine strukturellen Probleme“, sagt Kösters. Die Heimaufsicht habe den Einrichtungen der Itertalklinik stets gute Noten gegeben. Die Stimmung in den Häusern sei gut. Das sei auch keine Frage der Größe, sondern der Pflegequalität. „Außerdem verwechseln die Grünen etwas, wenn sie über die Rendite reden: Die zitierten Gewinne werden bei der Fondsgesellschaft erwirtschaftet, aber nicht bei uns vor Ort in den Heimen.“

Empört reagiert auch die Konzernzentrale in Düsseldorf. Die pauschalen Vorwürfe gegen die Alloheim-Gruppe weise man entschieden zurück, erklärt ein Sprecher. Qualitätsmanagement sei eine wichtige Säule der Unternehmensführung. „Als einer der Ersten in der Branche hat Alloheim daher auch in jeder Einrichtung die Funktion eines Qualitätsbeauftragten etabliert, der ausschließlich für die Kontrolle der Dokumentation und der Behandlungspflege verantwortlich zeichnet. Insgesamt arbeiten derzeit rund 270 Mitarbeiter im Qualitätswesen des Unternehmens.“

Zufriedene und motivierte Mitarbeiter betrachte man als wichtigen Garanten des Unternehmenserfolgs, heißt es weiter: „Wir haben im vergangenen Jahr in vielen Regionen in Deutschland die Gehälter unserer Fachkräfte deutlich erhöht und gehören vielerorts zu den am besten bezahlenden Arbeitgebern im Pflegebereich.“

Alloheim zahle auch keine Dividenden an seinen Gesellschafter oder entziehe zu dessen Gunsten Kapital aus der Gruppe. „Alloheim investiert mit vollumfänglicher Unterstützung seines Gesellschafters alle nach Abzug von Steuern sowie von Reserven zur Absicherung unternehmerischer Risiken verbleibenden Gewinne kontinuierlich zurück in das Unternehmen“, sagt der Sprecher.

Besser klein als groß?

Die Grünen geben sich damit nicht zufrieden. Sollte die Alloheim SE im Rahmen des Offenlegungsverfahrens grünes Licht zum Bau bekommen, sehen sie große Probleme für die Heimaufsicht. Denn im Sozialrecht seien der Gemeinde die Hände gebunden. „An diesem Fall sieht man ganz deutlich die Ohnmacht der Kommunen, denen es an rechtlichen Mitteln gegen solche Heimbetreiber fehlt“, meint Professor Borutta.

Die Grünen halten ein so großes Bauprojekt in vielerlei Hinsicht für fatal. „Wir reden hier von einem Zeitraum von 20 bis 30 Jahren, in denen die Alloheim SE ein Monopol in Roetgen halten wird“, sagt Müller. Die Heimaufsicht werde bei Mängeln schnell in Schwierigkeiten kommen: „Bevor der einzige Versorger vor Ort geschlossen würde, wird man trotz großer Mängel vieles hinnehmen müssen. Denn die Schließung hätte für die Bewohner dramatische Folgen.“ Dabei sei das geplante Projekt mittelfristig wahrscheinlich schon zu groß, da der Trend eher zu anderen, zeitgemäßeren Formen der Pflege gehe.

Private Betreiber seien nicht zwangsläufig schlecht, wie man an dem Seniorenwohnsitz Lambertz in Kalterherberg sehen könne, meint Professor Borutta. „Die machen einen tollen, vorbildlichen Job.“ Bei solchen Positivbeispielen handle es sich aber in der Regel um kleinere Betriebe, oft in Familienhand. „Grundsätzlich müssen wir zu anderen Systemen kommen – weg von den großen Pflege-Kasernen“, sagt Borutta. Hin zu wohnortnahen Angeboten, etwa nach skandinavischem Vorbild. „Wenn Senioren zu Hause anders und besser betreut würden, bräuchten wir überhaupt nicht so viele Betten in Pflegeheimen“, erklärt Ingrid Karst-Feilen (Grüne), Vorsitzende des Sozialausschusses. Die Roetgener Grünen wollen solche Alternativen künftig prüfen und werben daher für einen Runden Tisch mit allen Vertretern der nicht-kommerziellen Seniorenarbeit im Ort. Diesen könnte der Sozialausschuss bereits am kommenden Dienstag beschließen, wenn sich dafür eine Mehrheit findet.

Die Chancen für einen Stopp des Bauverfahrens sind allerdings mehr als fraglich. Bürgermeister Jorma Klauss (SPD) macht deutlich, dass er den Antrag nicht unterstützen wird: „Das wäre nicht im Interesse der Bürger von Roetgen. Wir brauchen eine zentrale Pflegeeinrichtung im Ort.“

https://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eifel/gruene-machen-front-gegen-den-pflegeheim-betreiber-alloheim_aid-47214617

Foto: Marco Rose