1 Jahr nach dem Tornado in Roetgen

 Am Jahrestag des Tornados in Roetgen überwiegt im Ort die Dankbarkeit. Und die Erkenntnis: Es hätte schlimmer kommen können.

Ein Ort wuchs zusammen!!

Joachim Wynands ist auf dem Weg nach Hause, als ihn die Nachricht eines Nachbarn erreicht: „Ruf mal an, da geht ein Wirbelsturm durch den Ort!“ Es ist der 14. März 2019, ein Donnerstag – jener Tag, der dem kleinen Roetgen zu bundesweiter Berühmtheit verhilft. Ein Tornado fegt am Nachmittag über den Randbereich des Ortes hinweg, bevor er Richtung Wald abdreht, wo er ebenfalls eine Schneise der Verwüstung hinterlässt. Zwei, allenfalls drei Minuten dauert das zerstörerische Spektakel, das aufgrund eines zufällig aufgenommenen Smartphone-Videos Menschen in aller Welt bewegt.

Joachim Wynands zählt seinerzeit auch zu den Geschädigten: Eine große, etwa 15 Meter hohe Buche ist von dem Wirbelsturm entwurzelt und auf den Dachgiebel seiner Doppelhaushälfte geschleudert worden. Teile des Baumes haben auch den Carport und das Gartenhäuschen erwischt. Der Beamte hat Glück im Unglück: „Meine Eltern riefen an und sagten, dass ihnen nichts passiert sei. Nichts Wesentliches sei beschädigt worden“, blickt der 51-Jährige am Jahrestag des Tornados zurück.

Zu Hause angekommen, verschafft sich Wynands kurz einen Überblick. Ein Ast des Baumes hat sich durch das Dach gebohrt und – zum Glück – genau über der Badewanne ein Loch hinterlassen. Für Reparaturarbeiten bleibt ihm zunächst keine Zeit – Wynands ist Leiter der Freiwilligen Feuerwehr in Roetgen, die an diesem Tag alle Einsätze koordiniert.

In den späten Nachmittag- und frühen Abendstunden kämpfen Feuerwehr, Polizei und Malteser an verschiedenen Fronten. Der Feierabendverkehr kommt schnell zum Erliegen, weil die Windhose kurz nach ihrem Entstehen einen Transporter auf der Bundesstraße erwischt. Hier geht nach kurzer Zeit nichts mehr.

„Meine Lebensgefährtin ist nur wenige Augenblicke nach dem Unfall dort vorbeigekommen“, erinnert sich Jorma Klauss. Roetgens Bürgermeister hat schon Feierabend, als der Tornado den Ort trifft. Eigentlich hat er ein paar freie Tage geplant. Daraus wird nun nichts mehr. Klauss telefoniert mit seinem Allgemeinen Vertreter Dirk Recker, der bereits mit den Spitzen von Feuerwehr und Polizei im Gerätehaus der Roetgener Wehr zu einem Krisentreffen zusammengekommen ist, um die Maschinerie in Gang zu setzen.

Etwa 30 Häuser sind entlang der Hauptstraße beschädigt. Die Hahner Straße – die wichtigste Ausweichroute für Pendler zwischen Aachen und der Nordeifel – ist vom Tornado ebenfalls gestreift worden und durch umgestürzte Bäume unpassierbar. Gleichzeitig ist die Verbindung zwischen Roetgen und Rott wegen Bauarbeiten an der Gasleitung gesperrt. Wer Glück hat, schafft es von Aachen aus noch über Zweifall und Raffelsbrand Richtung Simmerath und Monschau, bis ein weiterer Unfall auch diese Strecke versperrt und Pendlern nur noch der Umweg über Düren oder Belgien verbleibt.

Joachim Wynands durchkämmt mit den Einsatzkräften Haus für Haus und sucht nach Verletzten. Die meisten sind mit dem Schrecken davongekommen: Fünf Leichtverletzte werden versorgt, die sich meist Schnittverletzungen zugezogen haben. „Man hat aus den Vereinigten Staaten ja Bilder von völlig zerstörten Häusern vor Augen, wenn man in einen solchen Einsatz geht. Tatsächlich waren die Folgen bei uns weitaus weniger dramatisch, was vor allem an der massiven Bauweise unserer hiesigen Häuser liegt.“

Jorma Klauss ist immer noch bewegt, wenn er an diese kritischen Stunden zurückdenkt. „Wie wir mit den Folgen dieses Katastrophenereignisses umgegangen sind, hat mir viel Vertrauen in unsere Gesellschaft und in das staatliche System gegeben.“ Ehrenamtler hätten gleichberechtigt agiert, mehr noch: „Es war sehr beeindruckend, wie unsere Freiwillige Feuerwehr hier die Leitung über alle Einsatzkräfte übernommen hat.“ Auch Joachim Wynands hat bemerkt, wie die Menschen im Ort angesichts des Ereignisses zusammengerückt sind. „Nachbarn kamen vorbei und boten Hilfe an, es war ein gutes Gemeinschaftsgefühl.“

Die Erfahrungen im Umgang mit der Krisenbewältigung seien durchaus hilfreich gewesen, sagt Joachim Wynands. „Wir haben viel darüber gelernt, wie man mit solchen Großschadenslagen umgeht – vor allem hinsichtlich der Kommunikationswege, des Informationsaustauschs der Beteiligten untereinander.“ Dies habe inzwischen  auch Konsequenten auf die Führungsstruktur gehabt.

In seinem privaten Umfeld war der 14. März 2019 für den Feuerwehrleiter nur der Auftakt für einige sehr arbeitsreiche Tage: „Weil es nach dem Tornado vier Tage ununterbrochen geregnet hat, gab es niemanden mehr, der noch eine trockene Jacke besaß. Wir mussten ja draußen die Häuser und Dächer absichern, um den Schaden zu begrenzen.“

Ein Jahr nach dem Tornado sind die Folgen im Ort nicht mehr sichtbar. Von den beschädigten 30 Häusern musste nur eines abgerissen werden. Nach Angaben von Jorma Klauss machten die beteiligten Versicherungen keine Probleme. Die Gemeinde konnte noch vor Weihnachten die gesammelten Spendengelder in Höhe von 19.051 Euro an die Geschädigten auszahlen – 38 Haushalte erhielten jeweils 501,31 Euro. „Von der zunächst angedachten Auszahlung nach Bedürftigkeit haben wir Abstand genommen – eine Prüfung wäre zu aufwendig gewesen.“ Insgesamt sei der Ort „mit einem blauen Auge davongekommen“. Das Sturmholz aus dem stark betroffenen Gemeindewald sei zu vergleichsweise guten Preisen verkauft worden, für die Wiederaufforstung stünden ab 2021 voraussichtlich Fördergelder bereit.

https://www.aachener-nachrichten.de/lokales/eifel/ein-jahr-nach-dem-tornado-von-roetgen_aid-49544557

Foto: Marco Rose